9. – 11. Schuljahr

Harald Sterly

Wo bleiben eigentlich all die „Klimaflüchtlinge?

Migration als Folge des Klimawandels

Gibt es „Klimaflüchtlinge? Werden in Zukunft immer mehr Menschen ihre Heimat wegen des Klimawandels verlassen müssen? Wer sich mit dem Thema Migration und Klimawandel beschäftigt, wird früher oder später auf diese Fragen stoßen. Die Schülerinnen und Schüler analysieren die Zusammenhänge zwischen Migration und Klimawandel, indem sie Migrationsentscheidungen nachvollziehen, diese in einen globalen Bezug setzen und sich kritisch mit dem Begriff des „Klimaflüchtlings auseinandersetzen.

Sachanalyse
Migration und Klimawandel sind zwei globale Megatrends der Gegenwart und mit großer Wahrscheinlichkeit auch der nahen und mittelfristigen Zukunft. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels (steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsregime, häufigere Extremereignisse etc.) die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen zunehmend negativ beeinträchtigen werden.
In den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung sind allerdings vor allem Beispiele von Vertreibungen und Flucht als Folge von plötzlichen, extremen Wetterereignissen präsent (z.B. etwa vier Millionen Migranten/temporär Vertriebene durch den Wirbelsturm Haiyan auf den Philippinen, s. Abbildung 🔎 ), oder die Fälle von kleineren Inselstaaten, beispielsweise im Pazifik oder im Indischen Ozean, die aufgrund des Meeresspiegelanstiegs irgendwann komplett unbewohnbar werden könnten.
Solche Beispiele verdeutlichen auf eingängige Art den Zusammenhang zwischen Klimafaktoren und Migration aber es sind Extrembeispiele, denn selten lässt sich dieser Zusammenhang so klar und einfach nachweisen. Klima- und Umweltveränderungen wirken zusammen mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, sie führen selten für sich allein zur Migration (vgl. z.B. Biermann 2001).
Von „Klimaflüchtlingen und „Umweltmigranten
Der Begriff „Klimaflüchtling (oder „Umweltflüchtling) wird von Migrationsforscherinnen und -forschern kritisiert, denn er ist aus zweierlei Gründen schwierig:
  • Erstens (Sachgrund) müsste für Klimaflüchtlinge (oder „Umweltflüchtling) der Klimawandel als Haupt- oder alleiniger Grund für die Wanderung nachweisbar sein. Dies ist aber nur in wenigen Fällen möglich.
  • Zweitens (rechtlicher Grund) sind Klimaflüchtlinge nicht im internationalen Recht definiert: Demnach sind Flüchtlinge Menschen, die aufgrund von Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen oder bewaffneten Konflikten aus ihrem Heimatland fliehen.
Internationale Organisationen sprechen deshalb lieber von „Umweltmigranten, wenn Menschen abwandern (innerhalb eines Landes oder auch über Grenzen hinweg) und Umweltdegradation den Hauptgrund dafür darstellt (vgl. IOM 1996). Dies beinhaltet sowohl die Wanderung nach plötzlichen (Extrem)ereignissen (z.B. tropische Wirbelstürme), als auch aufgrund von langsamen Veränderungen (z.B. abnehmende Niederschläge, Bodenversalzung etc.).
Langsame Umweltveränderungen führen oft indirekt, beispielsweise über ihre wirtschaftlichen Effekte (v.a. in der Landwirtschaft aufgrund von abnehmenden Ernteerträgen, höheren Ausfallraten) zur Migrationsentscheidung. Selten wird dann die Landwirtschaft ganz aufgegeben, sondern einzelne Haushaltsmitglieder migrieren, um Arbeit zu finden und dadurch die Verluste auszugleichen. Dies erschwert die ursächliche Zuordnung von Migration zu Klima- und Umweltveränderungen die Grenze zwischen Umwelt- und Wirtschaftsmigranten ist dann nicht leicht zu ziehen (vgl. Biermann 2001).
Klimawandel und Migration mehr als Flucht
Die Schätzungen darüber, wie viele Umweltmigrantinnen und -migranten der Klimawandel zur Folge haben wird, gehen weit auseinander: Für das Jahr 2050 liegen sie zwischen 25 Millionen und einer Milliarde, häufig wird ein Wert von 200 Millionen zitiert (vgl. IOM 2016). Diese Werte werden jedoch von den meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sehr kritisch gesehen, denn sie basieren auf groben Vermutungen und Annahmen und klammern die Möglichkeit aus, dass Menschen sich an veränderte Bedingungen auch vor Ort anpassen können (vgl. Gemenne 2011).
Die mediale Präsenz und stetige Wiederholung dieser Zahlen sind auch auf die jeweiligen Interessen zurückzuführen, die beispielsweise Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen oder auch die Medien verfolgen (vgl. Hillmann et al. 2015). Viele Organisationen setzen sich dafür ein, Klimawandelfolgen als Fluchtgrund anzuerkennen (z.B. Greenpeace, Platform on Disaster Displacement).
Migrationsursachen
Abgesehen von den begrifflichen Schwierigkeiten gehen aber auch kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass der Klimawandel die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen in Zukunft stärker beeinträchtigen wird. Damit wird der Klimawandel auch als Grund für Migrationsentscheidungen wichtiger. Vier Arten von möglichen Migrationsursachen können hier unterschieden werden (vgl. Jacobeit/Methmann 2007):
  • Umweltveränderungen, die eindeutig dem Klimawandel zugeordnet werden können (z.B. Meeresspiegelanstieg);
  • bestehende Umweltprobleme, die durch den Klimawandel verstärkt werden (z.B. Dürren);
  • Armutsprobleme, die durch den Klimawandel verstärkt werden (z.B. Malariaverbreitung);
  • umweltbedingte Konflikte (z.B. um Weideland).
Die Wanderungsbewegungen lassen sich schematisch auf einem Kontinuum zwischen Flucht und anderen Formen von Migration positionieren, je nach dem Grad der Freiwilligkeit der Wanderung (vgl. Hugo 1996).
Langsame Klimaveränderungen als Ursache für Migration
Durch langsame Klimaveränderungen werden weitaus mehr Menschen betroffen sein als durch Wetterextreme (vgl. WBGU 2007). Damit sind indirekte Wirkzusammenhänge (z.B. weniger Regenfall → geringere Ernten → Migration zum Ausgleich des Verdienstausfalls) zahlenmäßig bedeutsamer als direkte (z.B. Meeresspiegelanstieg → Aufgabe von Siedlungen).
Ein anderer möglicher Wirkzusammenhang betrifft Konflikte, die durch den Klimawandel begünstigt werden (z.B. um knapper werdende Ressourcen), die dann wiederum zu Abwanderung führen können. So wird (sehr kontrovers) diskutiert, inwieweit der Konflikt in Syrien (und damit auch die Flucht aus dem Land) auch auf eine klimawandelbedingte, langanhaltende Dürre zurückzuführen ist (vgl. Randall 2015).
Die Mehrheit der Umweltmigranten, so wird geschätzt, bewegt sich aktuell und auch zukünftig innerhalb ihrer Heimatländer, oder wandert in Nachbarländer.
Didaktische Analyse
Die Einheit ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, sich wichtige Themen und Grundherangehensweisen der Geographie zu erschließen. Die beiden Teilthemen (Migration und Klimawandel) sind, u.a. durch ihren deutlichen Raumbezug, Kernthemen der Geographie sowohl als Wissenschaft als auch als Unterrichtsfach. Durch die Verbindung von physischen und humangeographischen Aspekten vermag die Geographie wie kaum ein anderes Fach, die komplexen Verbindungen zwischen den beiden Themen zu erfassen und zu erklären.
Zudem ist der Gegenstand auch in der Lebenswelt der Lernenden präsent: durch die mediale Präsenz der beiden Teilthemen Klimawandel und Migration, zum Teil auch durch die Berichterstattung über „Klimaflüchtlinge direkt, insbesondere aber durch die Aktualität des Flüchtlingsthemas.
Es wird vermittelt, dass Migration stets eine individuelle und vor allem aktive Entscheidung ist und von vielen Faktoren abhängt und dass es keine „mechanistische oder automatische Wirkungsweise zwischen Klimawandel und Migration gibt. Zu den elementaren Erkenntnissen gehört auch, dass das Thema komplexer ist, als in den Medien vermittelt wird. Es ist jedoch möglich, sich diese Komplexität zu erschließen. Dafür bedarf es allerdings des Rückgriffs auf verlässliche Informationen.
Die Lernenden bedienen sich solcher Informationen in Gestalt von Fallbeispielen auf individueller Akteursebene und von Daten und Statistiken auf globaler Ebene. Beide Ebenen werden analytisch verknüpft. Dadurch wird die Erfahrung gemacht, dass zum vollständigen Erfassen eines Themas Kenntnisse auf der Mikro- und Makroebene wichtig sind. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit der Qualität von Informationen und mit der Tatsache, dass Informationen nicht neutral sind, sondern von Medien und Organisationen vermittelt werden, die interessengeleitet handeln.
Die Lernenden setzen sich zudem mit Fragen von globaler Gerechtigkeit auseinander. Sie beschäftigen sich in Form eines Rollenspiels mit dem Widerspruch zwischen dem Anspruch auf globale Gerechtigkeit und real existierenden rechtlichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten.
Kompetenzen
Die Schülerinnen und Schüler können
Fachwissen
  • aufzeigen, wie schwierig die Zuordnung von Migration zu ihren Ursachen ist,
  • umweltbedingte Einflussfaktoren auf Migrationsentscheidungen beschreiben,
  • grundlegende Migrationstypen benennen und konkrete Beispiele zuordnen.
Räumliche Orientierung
  • umweltbezogene Migrationsphänomene, die häufig medial thematisiert werden, verorten,
  • die Entfernungen, die Umweltmigranten zurücklegen, einordnen,
  • die Einflüsse der Emissionen von Industriestaaten auf weit entfernte Regionen darstellen.
Erkenntnisgewinnung/Methoden
  • aus statistischen und geographischen Informationen Muster und Regelmäßigkeiten ableiten,
  • die Darstellung von Sachverhalten kritisch betrachten und berücksichtigen, dass dies interessengeleitet stattfindet.
Kommunikation
  • Positionen artikulieren und in Debatten argumentativ vertreten,
  • ihre Positionen begründet darstellen.
Beurteilung/Bewertung
  • unterschiedliche Positionen in der Debatte um „Klimaflüchtlinge nachvollziehen und einordnen,
  • sich selbst eine Position zu dem Thema erarbeiten und andere Positionen bewerten.
Handlung
  • sich weitere Aspekte und Vertiefungen des Themas mit kritischer Distanz erschließen.
Methodische Analyse
Die Unterrichtseinheit beinhaltet drei Elemente: eine Analyse von Migrationsmotiven und -ursachen mit Fallbeispielen auf Akteursebene (Arbeitsblatt 1 🔎), die Einbettung dieser individuellen Fälle in globale Muster und Strukturen (Arbeitsblatt 2 🔎) und die kritische Reflektion des Diskurses über Klimawandel und Klimaflucht (Arbeitsblatt 3 🔎).
Analyse von Migrationsmotiven
Der Einstieg in die Thematik erfolgt über ein Rollenspiel, in dem sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Schicksal von konkreten Menschen beschäftigen (Rollenkarten auf Arbeitsblatt 1). Dadurch erhalten sie die Möglichkeit, einen persönlichen Bezug zu den unterschiedlichen und fremden Lebenswelten und Kontexten herzustellen.
Die vier Fallbeispiele verdeutlichen die Unterschiedlichkeit und die Vielschichtigkeit der ursächlichen Verbindungen zwischen Klimawandel und Migration auf einer sehr konkreten Ebene: Klimawandel und Migration hängen vielfach zusammen, aber es ist oft schwer, einfache Ursache – Wirkungs-Zusammenhänge herzustellen. Wie genau auf den konkreten Fall geschaut werden muss, um dies zu verstehen, zeigt sich am Beispiel von Tuvalu: Hier wird deutlich, dass der Diskurs um Klimawandel den Staat davon abhält, in notwendige Infrastruktur zu investieren – und dass dieses Defizit einen wichtigen Migrationsgrund darstellt (vgl. Marino/Lazrus 2015).
Einbettung in globale Muster und Strukturen
Die Schülerinnen und Schüler analysieren Materialien auf globaler Ebene (Karte, Tabelle, Diagramm auf Arbeitsblatt 2) und ordnen die konkreten Akteursbeispiele zu. So werden die konkrete, persönliche Ebene auf der einen Seite, und die abstrakte, statistische Ebene auf der anderen Seite zueinander in Bezug gesetzt.
Die Schülerinnen und Schüler lernen, Regelmäßigkeiten aus der Verbindung solcher unterschiedlichen (konkreten und abstrakten) Perspektiven abzuleiten (z.B., dass Faktoren wie die Bevölkerungsdichte, die Fähigkeit von Staaten, Nothilfe vor Ort zu leisten, oder das Wohlstandsniveau von Ländern einen Einfluss darauf haben, ob Menschen migrieren müssen; oder dass die Ärmsten oft weniger Möglichkeiten haben, zu migrieren).
Diskussion über Klimawandel und Klimaflucht
Arbeitsblatt 3 (Rollenkarten und UN-Forum) thematisiert Gerechtigkeit und Verantwortung auf globaler Ebene: Die Schülerinnen und Schüler versetzen sich in die Lage unterschiedlicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines UN-Forums zum Flüchtlingsrecht. Es geht um die Frage, ob Klimawandelfolgen als Fluchtgrund anerkannt werden sollten. Im Vordergrund steht hier, die verschiedenen Positionen zu verstehen und überzeugend zu vertreten, sowie nachzuvollziehen, inwieweit diese interessensgeleitet sind.
Literatur und Internetquellen
Biermann, F. (2001): Umweltflüchtlinge. Ursachen und Lösungsansätze. Aus Politik und Zeitgeschichte B12, 2429, http://www.bpb.de/system/files/pdf/H7BDUB.pdf (letzter Zugriff: 13.07.2017)
Gemenne, F. (2011): Why the numbers dont add up: A review of estimates and predictions of people displaced by environmental change. In: Global Environmental Change 21. Jg., H. 1, S. 41 – 49
Hillmann, F., Pahl, M.; Rafflenbeul, B. und Sterly, H. (Hrsg.) (2015): Environmental change, adaptation and migration. Bringing in the region. Basingstoke, Hampshire: Palgrave Macmillan
Hugo, G. (1996): Environmental Concerns and International Migration. In: International Migration Review, 30. Jg., H. 1, S. 105 –131
IDMC Internal Displacement Monitoring centre (2016): Global Report on Internal Displacement 2016, http://www.internal-displacement.org/globalreport2016/ (letzter Zugriff: 13.07.2017)
IOM International Organization for Migration (1996): Environmentally-Induced Population Displacements and Environmental Impacts Resulting from Mass Migration. International Symposium, Genf, 21– 24 April 1996. Genf: IOM
IOM International Organization for Migration (2016): Migration, Climate Change and the Environment A Complex Nexus, https://www.iom.int/complex-nexus (letzter Zugriff: 13.07.2017)
Jacobeit, C. und Methmann C. (2007): Klimaflüchtlinge die verleugnete Katastrophe. Greenpeace Studie, https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/klimafluechtlinge_endv_0.PDF (letzter Zugriff: 13.07.2017)
Marino, E. und Lazrus, H. (2015): Migration or Forced Displacement?: The Complex Choices of Climate Change and Disaster Migrants in Shishmaref, Alaska and Nanumea, Tuvalu. In: Human Organization, 74. Jg., H. 4, S. 341 – 350
Randall, A. (2015): Syria and climate change: did the media get it right? Online Reportage, https://climatemigration.atavist.com/syria-and-climate-change (letzter Zugriff: 13.07.2017)
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