Kartendarstellung mal andersAnamorphe Karten

Anamorphe Karten weichen von den üblichen Kartendarstellungen ab. Sie stellen die Landflächen nicht in den gewohnten Formen dar, sondern andere Größen bestimmen den Maßstab und somit die Darstellung des Raumes. Unterschiedliche Arten an anamorphen Karten und detaillierte Schritte für deren Auswertung durch die Schülerinnen und Schüler stellt der Beitrag vor.

Weltkarte auf Händen

Karten müssen nicht immer im gewohnten Kartenbild dargestellt werden. Foto: stokpic on Pixabay CC0 Creative Commons

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Was sind anamorphe Karten und welchem Zweck dienen sie?

Anamorphose bedeutet Verzerrung oder Umgestaltung. Anamorphe Karten (engl. cartogram) sind also verzerrte Darstellungen, die nicht dem gewohnten Kartenbild entsprechen. Sie sind zunehmend im Internet zu finden sowie in den Massenmedien und in jüngster Zeit auch in Schulbüchern.

Ein gemeinsames Kennzeichen der anamorphen Karten ist, dass nicht mehr die Landfläche in den gewohnten Formen abgebildet wird, sondern andere Größen (statistische Daten) den Maßstab und somit die Darstellung des Raumes bestimmen. Dadurch werden die herkömmlichen Größen und Landformen verändert.

Anamorphe Karten werden nicht um ihrer selbst willen entwickelt. Sie verfolgen einen Zweck, der über die Gestaltungsabsicht in herkömmlichen Karten hinausgeht: quantitative Informationen verorten und in ihrer Wertigkeit sichtbar machen. Sie veranschaulichen und verdeutlichen Größenverhältnisse – dadurch überraschen und verblüffen sie. Sie wecken die Neugier und regen zu Fragen an. Außerdem verlangen sie den Vergleich mit dem gewohnten Kartenbild (der konventionellen Referenzkarte) und fordern zur Stellungnahme heraus.

Die genannten Eigenschaften sowie ihre Verbreitung in den Medien sind ausreichende Gründe, anamorphe Karten im Unterricht einzusetzen.

Geometrische Figurenkarte

Die geometrische Figurenkarte ist die bekannteste und am weitesten verbreitete anamorphe Karte. Sie kommt in nahezu allen Schulatlanten und in einigen Schulbüchern vor. Beispielsweise zeigt sie die Verteilung der Weltbevölkerung (Beispiel von Worldmapper): Dabei wird die Bevölkerungsgröße der einzelnen Staaten in flächenproportionalen geometrischen Figuren dargestellt. Maßstab ist folglich die Bevölkerungsgröße, nicht die Landfläche. In diesen anamorphen Karten werden Lage und Gestalt der Figuren den Landflächen nachempfunden.

Die anamorphe Staatenkarte

Die anamorphe Staatenkarte unterscheidet sich von der geometrischen Figurenkarte dadurch, dass jeder Staat gemäß einem Indikator – zum Beispiel Bevölkerungszahl, Wirtschaftskraft, Militärausgaben – in seiner Größe, nicht aber in seiner Gestalt verändert wird. Trotz der Größenverzerrung behalten die Staaten also ihre ursprüngliche Form bei. So können die räumlichen Informationen relativ exakt lokalisiert, also einzelnen Staaten zugeordnet werden. Jeder Karte liegt ein Thema zugrunde. Die Daten können nur bis zur Länderebene dargestellt werden, nicht aber darunter. So wird zum Beispiel die ungleiche Verteilung der Bevölkerung innerhalb Chinas oder Russlands nicht erkennbar.

Die Rastertransformationskarte

Die Rastertransformationskarte (engl. gridded cartogram) stellt in der Reihe der anamorphen Karten die jüngste Entwicklungsstufe dar. Sie ist das Ergebnis der Arbeit des deutschen Geographen Benjamin Hennig. Ein Beispiel zum Erdbebenrisiko ist hier zu finden. Rastertransformationskarten sind eine „alternative kartographische Visualisierungsform, mit der jegliche quantitative Dimension, die die Erde prägt, in neuer Form dargestellt werden kann. […] Grundprinzip der anamorphen Kartendarstellungen ist eine bewusste Verzerrung des Raumes. Die Distanzen in der Kartendarstellung sind dabei nicht an physischen Distanzen orientiert, sondern proportional zu einem gewählten Indikator. Damit sind die Verzerrungen nicht willkürlich oder die Realität verfälschend, sondern basieren auf realen Daten und sind somit auch objektiv nachvollziehbar“ (Hennig 2013, S. 35 ff.). 

Als Basis dient die traditionelle Karte. Die Landoberfläche wird aber nicht wie bei der anamorphen Staatenkarte nach Staatsgrenzen unterteilt, sondern mit einem gleichmäßigen Gitternetz überzogen. Die Rasterzellen dieses Netzes sind ursprünglich alle gleich groß. Diese „werden dann mit quantitativen räumlichen Informationen verknüpft. Jede Rasterzelle wird nach ihrem individuellen Datenwert vergrößert oder verkleinert. Die Darstellung ist damit unabhängig von Ländergrenzen und anderen administra­tiven Einheiten. […] Durch das gleichmäßig verteilte Raster weist die transformierte Karte nicht mehr die rasch vergleichbaren ursprünglichen Landformen auf. Dafür behalten die veränderten Rasterzellen die Referenz zu ihrer realen Position im physischen Raum. […] Erst durch die digitale Technik wurden die dafür benötigten mathematischen Berechnungen erheblich vereinfacht und die Darstellungen präziser sowie visuell ansprechender“ (Hennig 2012).

Nicht die gewohnte Ansicht des phy­sischen Raumes steht im Zentrum. Zen­trale Bedeutung erhält die Darstellung der komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. 
Rastertransformationskarten erregen die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler wegen ihrer oft spektakulären und einprägsamen Gestaltung. Sie wecken deren Neugier und vertiefen das Problembewusstsein für das Wirken des Menschen auf unserem Planeten.

Rastertransformationskarten sind aber nicht immer leicht zu lesen und nur selten intuitiv zu erschließen. Daher muss der Betrachter lernen zu erkennen, wie stark die Rasterzellen in einem Raum vergrößert oder verkleinert wurden. Dann wird für ihn das transformierte Kartenmuster zur reichhaltigen Informationsquelle. 

Wie gehen wir mit anamorphen Karten im Unterricht um?

Voraussetzung für die gelungene Auswertung der anamorphen Karte ist, dass die Schülerinnen und Schüler diese Darstellung mit einer herkömmlichen Karte vergleichen können, die die gewohnten Umrisse zeigt. Ihnen muss bewusst sein, dass sie in der anamorphen Karte keine traditio­nellen Messungen vornehmen können. 

Die einzelnen Schritte der Auswertung:

  1. Im ersten Schritt lesen die Schülerinnen und Schüler die Bildunterschrift. Sie fragen nach der Bedeutung von Farben und Zeichen (Legende). 
  2. Im zweiten Schritt beschreiben und benennen die Schülerinnen und Schüler die abgebildeten Räume. Sie vergleichen deren Größe und Lage mit den Darstellungen in einer traditionellen Karte. Sie erläutern die Besonderheiten und die Unterschiede. Bei der Rastertransformationskarte muss die Schülerin/der Schüler zudem lernen zu beschreiben, wie stark die Rasterzellen in einem Gebiet vergrößert oder verkleinert wurden.
  3. Im nächsten Schritt erklären die Schülerinnen und Schüler einzelne inhalt­liche Aspekte der Karte. Sie fassen die Kernaussage der Darstellung zusammen und beurteilen die in der anamorphen Karte wiedergegebenen Sachverhalte.
  4. Schließlich erläutern und begründen sie, wie sich die Transformation auf das Kartenbild auswirkt und welche Motive dazu geführt haben können, diese verzerrte Art der Darstellung zu wählen. 

Anamorphe Karten sind beispielsweise zu finden auf der Homepage von Worldmapper

Links zum Thema: 

Hennig, B. (2012): Vom Land zur Rasterzelle. Neue Projektion beruht auf Gitterbasis statt auf Ländergrenzen

Hennig, B. (2013): Kriege, Krisen, Konflikte … und Karten. Ein neuer Blick auf die Welt. In: Wissenschaft & Frieden, H. 1, S. 35 – 38

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