Warum es an allem hängtUmweltzerstörung und Klimawandel sind längst keine reinen MINT-Themen mehr

Es reicht nicht, darauf zu warten, bis „die da oben mal endlich was machen.“ Jeder von uns hinterlässt bei fast allen Tätigkeiten einen ökologischen Fußabdruck und es gilt, diesen so klein wie möglich zu halten, wenn wir den Kurs unseres Planeten noch irgendwie korrigieren wollen. Dabei ist technisch-naturwissenschaftliches Knowhow sicherlich wichtig. Doch entscheidend ist der interdisziplinäre Blick aufs große Ganze.

Umweltzerstörung und Klimawandel sind längst keine reinen MINT-Themen mehr

Umweltzerstörung und Klimawandel sind längst keine reinen MINT-Themen mehr Foto: © pogonici/ stock.adobe.com

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Letztens ging mein betagtes Mobiltelefon kaputt. Ich brachte es zum Wertstoffhof und erwarb für 30 Euro ein neues; zum Glück sind für Smartphone-Verweigerer wie mich noch solche „Knochen“ erhältlich, in Kaufhausregalen auch gern bezeichnet als „Senioren-Handys“. Doch leider zeigte die Tastatur nach zwei Wochen einen kleinen Defekt. Ich ging also wieder zum Händler, um es zu reklamieren. 

Der Service-Mann schaute kurz auf das Telefon, reichte mir ein Formular, schrieb etwas drauf und sagte: „Gehen Sie in den Markt und nehmen Sie sich ein neues.“ Auf meine Frage, ob es denn nicht repariert werden könne, erwiderte er nur: „Lohnt sich nicht.“ Was denn dann mit dem defekten Gerät passiere? „Wird entsorgt.“ 

Ex und hopp: kaum mehr hinterfragt 

Aha, entsorgt. Doch wer bis Fünf zählen kann, weiß, dass das Augenwischerei ist. Höchstwahrscheinlich wird das Telefon – wie auch jenes vom Wertstoffhof – auf einer der gigantischen Elektroschrotthalden Asiens oder Afrikas enden, etwa im ghanaischen Agbogbloshie (siehe Kasten). Bei den Ärmsten dieses Planeten, die ein paar Jahre lang für wenige Cent Metalle und andere Rohstoffe aus Computern, Monitoren und Smartphones brennen, bevor sie an Vergiftungen und Verätzungen qualvoll sterben. Opfer eines Millionengeschäfts mit den Resten der sogenannten digitalen Revolution. 

Längst nicht alle Geräte, die auf diesen Halden landen, waren defekt. Viele wurden ausrangiert, weil es neue, bessere Modelle gibt, weil sie nicht mehr genug Speicher für die Youtube-Videos und Spotify-Songs boten, weil sich das Betriebssystem nicht mehr updaten ließ, das Display einen Sprung hatte oder die Farbe nicht mehr zu den Sneakern passte. Außerdem: Die neueste Generation zu besitzen, ist sexy, alles andere peinlich oder mitleiderregend, und wer will das schon sein? Diese Geschäftspolitik funktioniert jedenfalls, die Nutzungszyklen vor allem der mobilen Endgeräte werden immer kürzer. Wie das Statistische Bundesamt ermittelte, belief sich die durchschnittliche Lebensdauer eines Smartphones 2018 auf nicht mal zweieinhalb Jahre. Tendenz weiter fallend. 

Und so werden Jahr für Jahr Unmengen wertvoller Ressourcen vergeudet – nicht nur bei der Produktion. Laut einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts aus dem Jahr 2016 beträgt der Rohstoffverbrauch für die Herstellung eines Smartphones 14 Kilogramm, bei dessen Nutzung sogar 32 Kilogramm, insgesamt also 46 Kilogramm. Obendrein entstehen dabei noch massig Treibhausgase: insgesamt 63 Kilogramm CO2-Äquivalenz pro Smartphone, stellte das Institut fest. Das mag manchem bei einer durchschnittlichen Pro-Kopf-Kohlendioxidemission in Deutschland von 8,9 Tonnen (2018) als Tropfen auf den heißen Stein erscheinen. Allein für die in Deutschland verkauften Smartphones summiert sich das aber auf über 1,44 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenz.


 

Globale Erwärmung als Herausforderung

Noch mehr über die Herausforderungen des Klimawandels und wie man ihn im Geographieunterricht thematisieren kann, lesen Sie im Heft:


Globale Erwärmung als Herausforderung

geographie heute Nr. 326/2015

 


Folgen der digitalen Revolution … 

Es klang oben schon an: Auch die Nutzung internetfähiger Endgeräte erzeugt klimaschädliche Treibhausgase. Worüber kaum jemand nachdenkt, denn das Online-Shoppen, Googeln oder Streamen scheinen weitgehend entmaterialisiert. Sind sie aber keinesweg, denn nicht nur die Endgeräte selbst brauchen dafür Strom, sondern vor allem der Netzbetrieb und die Server. Rund 33 Millionen Tonnen CO2 jährlich kommen allein in Deutschland durch den Betrieb des Internets und internetfähiger Geräte zusammen, wie eine Untersuchung des Senders SWR für das Jahr 2018 ergeben hat. Das ist so viel, wie durch den gesamten innerdeutschen Flugverkehr entsteht. Eine Suchanfrage bei Google etwa löst nach eigenen Angaben des Unternehmens einen Strombedarf von 0,0003 Kilowatt aus. Mit zweihundert solcher Suchanfragen wird also genauso viel Energie verbraucht wie für das Bügeln eines Hemdes. Und mit den monatlichen Suchanfragen eines durchschnittlichen Users lässt sich eine 60-Watt- Glühlampe für immerhin drei Stunden mit Strom versorgen. 

Doch Suchanfragen sind längst nicht der Kern des Problems: Die neuen Stromfresser sind das Musik- und Video-Streaming, das Cloud-Computing, die Rechenzentren und Kryptowährungen wie der Bitcoin. Digitales Leben, Konsumieren und Wirtschaften hinterlässt also weit größere ökologische Fußabdrücke, als den meisten Usern bewusst ist. Angesichts der Tatsache, dass 95 Prozent der 14- bis 49-Jährigen in Deutschland ein Smartphone nutzen, lohnt es sich also durchaus, das selbstkritisch zu reflektieren – im Privatleben, aber vor allem in Schule und Unterricht. 


Unterrichtsthema Elektroschrott im Film

Welcome to Sodom – dein Smartphone ist schon hier 

Es klingt so gut, so sauber, so problemlösend: Elektroschrott entsorgen. Doch die Wahrheit ist viel dreckiger – und kann zum Beispiel in Ghana besucht werden. Das haben die Regisseure Florian Weigensamer und Christian Krönes getan. Der Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“ lässt die Zuschauer hinter die Kulissen von Europas größter Müllhalde mitten in Afrika blicken und porträtiert die Verlierer der digitalen Revolution. Die Müllhalde von Agbogbloshie wird höchstwahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen. Während sich Europa über eine „Flüchtlingskrise“ ereifert, lebt man dort schon seit Jahren mit der Elektroschrottkrise. Im Film stehen jedoch nicht die Mechanismen des illegalen Elektroschrotthandels im Vordergrund, sondern die Lebensumstände und Schicksale von Menschen, die am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette stehen. In den Kinos lief der Film bereits 2018; inzwischen ist er aber erhältlich auf DVD, BD und VoD. Auf der Film-Website steht kostenloses Material für fächerübergreifenden Unterricht zur Verfügung. 

www.welcome-to-sodom.de


… und unseres Konsums 

Es gibt weitere aktuelle Beispiele dafür, wie eng die sozialen, politischen und ökologischen Verhältnisse in der Welt mit unserem Konsumverhalten verzahnt sind. Dass in Brasilien der Regenwald brennt, liegt nicht nur an der kruden Weltanschauung von Präsident Bolsonaro, sondern vor allem am wachsenden Hunger der Wohlstandsländer auf billiges Fleisch. Der Umsatz von McDonald’s in Deutschland etwa lag im Jahr 2018 mit rund 3,5 Milliarden Euro so hoch wie nie zuvor. Damit ist der Fast-Food-Riese mit weitem Abstand der größte Systemgastronom in Deutschland. Ein möglicher Einwand, der Burger-Bräter beziehe sein Fleisch doch von regionalen Produzenten, ist kraftlos: Das Futter der Massentierhaltungen, die zu den größten Methanerzeugern weltweit zählen, enthält viel eiweißreiches Soja, das auf riesigen Monokultur-Plantagen in Nord- und Lateinamerika wächst. Auf Flächen, deren Flora einst große Mengen CO2 gebunden und somit unschädlich gemacht hat. 

Doch wer wollte es armen Bauern verdenken, Brände zu legen, um ihre Familien mit neu erschlossenen Sojafeldern und Viehweiden zu ernähren? Da multinationale Lebens- und Futtermittelkonzerne sie mit einem Hungerlohn für ihr Soja oder Fleisch abspeisen, müssen sie eben mehr produzieren, um davon leben zu können. Zumal die Nachfrage ja existiert. Wenn dies nicht danach ruft, Politik-, Umwelt- und Ernährungsbildung im Unterricht zu verknüpfen, was dann?

Raus aus der Komfortzone 

Eine thematische Gemengelage ist auch unsere Mobilität – ein Reizthema, bei dem selbst gebildete Zeitgenossen in Bigotterie verfallen. Ja, „die Leute“ müssen weniger Auto fahren, ganz wichtig für den Klimaschutz. Aber: „Ich bin aufs Auto leider angewiesen. Mein Job, die Kinder, schlechter ÖPNV, zuviel Organisation, viele Termine, knappe Zeit …“ Selbst Menschen, die aus Überzeugung in Biomärkten einkaufen und grün wählen, wollen sich nicht aus ihrer Komfortzone lösen. Es wird auch nicht besser, wenn sie E-Mobile steuern – die Straßen bleiben voll, Ressourcen werden weiterhin rigoros ausgebeutet. 

Immerhin kann man feststellen, dass bei uns im März 2019 rund 0,5 Prozent weniger Neu-Pkw zugelassen wurden (insgesamt 345.523) als im Vorjahresmonat. Eine andere Zahl jedoch beweist, dass Verlangen vor Vernunft kommt: Auf Geländewagen und SUV entfielen 101.800 Neuzulassungen. Das ist fast ein Drittel aller Neufahrzeuge und ein sattes Plus von 14,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Müssen etwa immer mehr Menschen Viehanhänger von verschlammten Wiesen ziehen? Wohl kaum. Es ist der marketing-getriebene Haben-will-Faktor, der nicht nur blind für den ökologischen Nonsens solcher PS-Monster macht, sondern auch für den zweifelhaften Leumund ihrer Hersteller. Das Geschäftsmodell funktioniert nach wie vor. Daran konnten weder Betrugsskandale noch die Aufklärungsarbeit von Umweltverbänden etwas ändern, von den hilflosen Mahnungen der Bundesregierung ganz zu schweigen. 

Dieser Kontext bringt Unterrichtsfächer zusammen, die sich sonst eher selten berühren: MINT, Verkehrserziehung und politische Bildung. In dieser Kopplung können Schüler ihr eigenes Mobilitätsverhalten reflektieren und ökologisch optimieren lernen, etwa aufs Elterntaxi zu verzichten und Radfahren als Ansatz für eigenes Handeln zu erkennen. Zugleich bietet sich an, die Rolle der Automobilindustrie in unserem Land kritisch zu untersuchen – als größter Arbeitgeber, der eine entsprechend große Machtfülle auf sich vereint und dadurch den ökologischen Kurs der Bundespolitik mitbestimmt.

Streik bewirkt letztlich – nichts 

Dass einiges schief läuft auf unserem Globus, haben auch die Jüngsten begriffen. Mit der Bewegung „Fridays for Future“ und ihrer Galionsfigur Greta Thunberg haben die Schüler weltweit eine Protest-Community geformt. So löblich und sympathisch das auch ist: Am Ende bleiben die bunten Transparente, griffigen Formeln und einprägsamen Bilder reine Symbolik, die Botschaften beschränken sich aufs Schlimm-finden und schon hundertmal gehörte Phrasen. 

Da nimmt sich auch Gretas respektabler Auftritt beim UN-Klimagipfel in New York Ende September nicht aus: Derlei Gardinenpredigten werden bei keinem einzigen Entscheider in Politik und Ökonomie Zweifel am Tun und Unterlassen wecken und ihnen schon gar nicht den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Immerhin klinken sich derzeit Gruppierungen aus Forschung, Wirtschaft und NGOs in die Fridays-Bewegung ein und geben dem Ganzen eine wissenschaftliche Basis, auf der die Aktivisten argumentieren können. Ein Lichtblick. 

Mehr Chancen auf Geltung hat konkretes, konstruktives Handeln. Ein Handeln, das realisierbare Alternativen und Optionen anbietet. Und das sollten die Schüler im Unterricht erlernen können – nach einem Konzept, das die starre Fächerstruktur aufbricht. Zumindest aber sollte die Schule junge Menschen bei der interdisziplinären Arbeit an Klima- und Umweltschutz-Projekten unterstützen, wo immer möglich. Denn es können durchaus Erkenntnisse herauskommen, die selbst arrivierter Forschung starke neue Impulse geben. Beweise gefällig? Bitte sehr: Schauen Sie in den Beitrag ab S. 4 dieses Heftes. Dort präsentieren wir die Preisträger des BundesUmweltWettbewerbs 2018 / 2019 und ihre Arbeiten. Darin zeigen die Nachwuchsforscher, dass alles mit allem zusammenhängt. Und man an der Lösung drängender Umweltprobleme fulltime arbeiten muss, nicht nur freitags. Spaß macht das offensichtlich trotzdem.


 

Dieser Beitrag enstammt unserer Seite bildung+

Quelle: "Es hängt an allem" von Markus Hofmann, bildung science 2019, S. 8 – 11.

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