BevölkerungDas Modell des demographischen Übergangs

Seit Beginn der Industrialisierung haben sich die Geburten- und Sterberaten in Industrieländern in ähnlicher Weise regelmäßig verändert. Aus diesen Beobachtungen heraus wurde das Modell des demographischen Übergangs entwickelt. Was sagt dieses aus und ist es geeignet, Bevölkerungsentwicklungen in Ländern weltweit zu prognostizieren?

Menschen die in Form einer Weltkugel stehen

Das Modell des demographischen Übergangs bildet eine Grundlage für die Prognose der Bevölkerungsentwicklung in Ländern weltweit. Foto: © Roman Fedin/123rf

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Modell des demographischen Übergangs

Das Modell des demographischen Übergangs resultiert aus den Beobachtungen in Europa, Nordamerika und Australien. Dort haben sich Fruchtbarkeit und Sterblichkeit während der letzten beiden Jahrhunderte sehr regelmäßig verändert, sodass erwartet wurde, dass jede Bevölkerung einen Transformationsprozess nach diesem Muster durchlaufen wird. Dieser Transformationsprozess verläuft idealtypisch in fünf Phasen. Die Ausgangssituation vor Beginn des Prozesses ist gekennzeichnet durch stark wechselnde Sterbe- und Geburtenraten.

1. Phase: Prätransformative Phase

In der ersten Phase des Modells, die als prätransformative Phase bezeichnet wird, befinden sich die Geburten- und Sterberaten auf einem hohen Niveau. Die Wachstumsraten der Bevölkerung sind gering. Gründe hierfür sind die schlechten hygienischen Verhältnisse, unzureichende medizinische Versorgung sowie eine geringe landwirtschaftliche Produktivität.

2. Phase: Frühtransformative Phase

Die zweite Phase wird als frühtransformative Phase bezeichnet. Sinkende Sterberaten und konstante Geburtenraten sind für diese Phase typisch. Die sinkenden Sterberaten sind auf verbesserte Hygiene, bessere Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und vor allem auf Schutzimpfungen zurückzuführen, welche die Ausbreitung von Epidemien verhindert haben.

3. Phase: Mitteltransformative Phase

Die mitteltransformative Phase, die dritte Phase des Modells, zeichnet sich durch eine stetig sinkende Sterberate und einsetzenden Geburtenrückgang aus. In dieser Phase kommt es zu einem raschen Bevölkerungswachstum, da die Sterberate gegenüber der Geburtenrate einen großen Vorsprung hält.

4. Phase: Spättransformative Phase

Die vierte Phase ist die sogenannte spättransformative Phase. In dieser kommt es zu einem raschen Absinken der Geburtenrate, das Bevölkerungswachstum nimmt ab.

5. Phase: Posttransformative Phase

In der letzten Phase, die posttransformative Phase, kommt es zu einer Stagnation der Wachstumsrate, da Geburten- und Sterberaten sich auf einem niedrigen Niveau eingependelt haben.

Das Modell des demographischen Übergangs gibt somit Aufschluss darüber, wie weit die demographische Entwicklung eines Landes vorangeschritten ist. Außerdem bildet es eine Grundlage für die Prognose der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung. Allerdings sind Prognosen nur begrenzt möglich, da es nicht allgemein auf alle Staaten übertragbar ist. Der tatsächliche Verlauf weicht ,in einigen Staaten vom idealtypischen Verlauf ab. Die Entwicklungen in Industrieländern verliefen zudem in anderen Zeiträumen als heute in Entwicklungsländern. Dies liegt auch daran, dass die Voraussetzungen zu Beginn andere waren. Dies sollte bei der Übertragung des Modells berücksichtigt werden. 


 

Demographischer Wandel

Mehr zu den Herausforderungen und Chancen des demographischen Wandels am Beispiel von Deutschland, China und Japan finden Sie in unserem Heft:


Demographischer Wandel

geographie heute Nr. 339/2018

 


Japan und Deutschland als Beispiele

Japan und Deutschland haben den Transformationsprozess bereits vollständig durchschritten. Die beiden Staaten befinden sich derzeit in einer Phase, in der ihre Bevölkerung schrumpft. Diese Entwicklung könnte als sechste Phase betrachtet werden und das bisherige Modell ergänzen. Einige Demographen sprechen aber diesbezüglich auch von einem „Zweiten demographischen Übergang“, der das Schrumpfen der Bevölkerung bezeichnet.

In Deutschland begann die frühtransformative Phase bereits 1870. Erst 1900 begann die mitteltransformative Phase, welche bis 1940 andauerte. Während dieser Phase kam es zu einem raschen Bevölkerungswachstum in Deutschland. Insgesamt dauerte der Übergang von hohen Geburten- und Sterberaten zu niedrigen Geburten- und Sterberaten in Deutschland 70 Jahre. Japan hingegen durchlief diesen Prozess sehr spät, aber innerhalb von 40 Jahren. Die zweite Phase begann 1920 und dauerte bis 1950. Die mitteltransformative Phase hielt in Japan lediglich zehn Jahre an, somit gab es dort nur eine kurze Phase raschen Bevölkerungswachstums. Dies ist auch die Ursache der schnellen Alterung der japanischen Bevölkerung, da den geburtenstarken Jahrgängen vor 1950 nur schwach besetzte jüngere Jahrgänge folgten.

Das Thema im Geographieunterricht

Das Modell des demographischen Wandels ist ein klassisches Thema im Geographieunterricht, der sich mit Bevölkerungswachstum und den Auswirkungen beschäftigt. Generell lassen sich Länder, beispielsweise in Osteuropa oder Afrika, in das Modell einordnen. Im Unterricht berücksichtigt werden sollte allerdings, dass es sich um ein Modell handelt, das Prozesse und Zusammenhänge nicht in seiner Gesamtheit erfassen kann. Die Schwierigkeiten und Übertragbarkeit sollte mit den Schülerinnen und Schülern diskutiert werden.

Für einen schnellen Überblick über das Modell bietet sich das Video von The Simple Club an.

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